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Aus der Geschichte nichts gelernt: Warum der Krieg in Afghanistan scheitern musste

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Autor: Hilde
Quelle: https://www.compact-online.de/...
2021-08-23, Ansichten 399
Aus der Geschichte nichts gelernt: Warum der Krieg in Afghanistan scheitern musste

Die USA haben in Kabul ihr zweites Saigon erlebt, uns droht ein zweites 2015. Ein Blick in die Geschichtsbücher hätte gereicht, um den Afghanistan-Krieg von Anfang an als aussichtslos bewerten zu können. Die Lügen, mit denen der Krieg vom Zaun gebrochen wurde, haben wir im gerade fertiggestellten COMPACT-Spezial 9/11 – Der Putsch des Tiefen Staates akribisch aufgearbeitet. Hier mehr erfahren.

Am 7. Oktober 2001 marschierten die USA auf Befehl von Präsident George W. Bush in Afghanistan ein –unter dem Etikett Operation Enduring Freedom (auf Deutsch: Operation andauernder Friede). Das war blanker Hohn, denn es gab keinen Frieden, sondern andauernden Unfrieden. Und zwar bis heute.

Gab es einen Grund für den Einmarsch? Nein, außer dem Verfolgungswahn des US-Establishments und insbesondere der Fraktion im Vizepräsident Dick Cheney, die als Verursacher der Anschläge vom 11. September 2001 al-Qaida ausmachten – wofür es keine überzeugenden Belege gab. Anführer Osama bin Laden hatte sich sogar davon distanziert – reichlich ungewöhnlich für einen islamistischen Terroristen, der sich doch wohl eher stolz zu solchen Taten bekennen würde. Mehr dazu lesen Sie in unserer Neuerscheinung COMPACT-Spezial 9/11 – Der Putsch des Tiefen Staates.

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Ground Zero in New York einige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Foto: U.S. Navy Photo / Jim Watson, CC0, Wikimedia Commons

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete die Resolution 1368, die als Begründung für den Einmarsch herhalten musste. So verbündeten sich die USA mit der Nordallianz, den Gegnern der Taliban, und starteten unter Hinzuziehung Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland über die NATO-Schiene den Angriff. In kurzer Frist wurden die Hauptstadt Kabul und die Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz eingenommen. Anschließend richtete man in Afghanistan eine Marionetten-Regierung unter Präsident Hamid Karzai ein, zu deren Schutz zusätzlich eine ISAF-Truppe ins Land geholt wurde.

Deutsche Soldaten als Söldner

Anstatt nun sinnvoll in die Infrastruktur Afghanistans zu investieren und den Aufbau von Schulen mit angeschlossener Berufsausbildung, Universitäten, Wirtschaftszentren, Projekten zur Verbesserung oder Erschließung von Verkehrswegen und medizinischen Einrichtungen zu forcieren, wurde Geld in militärische Stützpunkte gepumpt. Damit wurden mehrere hundert Milliarden Euro sinnlos verpulvert. Im Februar 2010 unterhielten die NATO und die Afghanische Nationalarmee etwa 700 Militärstützpunkte im Land.

Offizielle Bilanz der sinnfreien Scharmützel bis November 2019: 71.387 Tote, davon 43.074 Zivilisten – das heißt: mehr als die Hälfte der Toten waren keine Kombattanten. Und das kommt nicht von ungefähr: Schließlich gab es über all die Jahre verheerende B-52-Flächenbombardements, mörderische Drohnenangriffe, 350.000 Soldaten waren im Einsatz, dazu 20.000 Söldner.

Fast zwei Billionen Dollar hat die USA der Krieg gekostet, zahllose Dörfer wurden vernichtet. Zugleich hat sich der Opiumhandel von Afghanistan aus in ganz Südostasien verbreitet und ist bis nach Europa gelangt. Die von den Amerikanern hofierte Nordallianz ist Treiber des Drogenhandels, während die Taliban diesen immerhin einzudämmen versuchten.

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Soldaten der Afghanistan-Kampftruppe ISAF im Gefecht. Foto: US-Armee, CCO

Normalerweise gehören die Verantwortlichen vor ein internationales Tribunal – auch wegen Missbrauchs unserer Bundeswehr für ihre Aggressionskriege. Dabei dürfen unsere Truppen laut Grundgesetz in keinen Krieg außerhalb der Grenzen Deutschlands ziehen. Die Bundeswehr ist eine reine Verteidigungsarmee. Das wurde unter dem Druck der NATO jedoch nach und nach aufgeweicht, sodass sie einem inzwischen wie ein international operierendes Söldnerheer vorkommt.

Die Väter des Grundgesetzes hatten eine Streitmacht nach Schweizer im Sinn, um Neutralität zu wahren. Charakteristisch für die Armee der Eidgenossen ist das Milizsystem, bei dem fast alle Dienstposten durch Wehrpflichtige und Reservisten besetzt sind. Ein Oberbefehlshaber wird im Falle der Generalmobilmachung von der Bundesversammlung gewählt. Der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO am 9. Mai 1955 – 10 Jahre nach Kriegsende – unter Bundeskanzler Konrad Adenauer war kein Glückstag für Deutschland, wie die folgenden Jahrzehnte zeigen sollten.

Das britische Desaster

Auch die USA haben aus der Vergangenheit nichts gelernt: 1839 beschloss das britische Weltreich, Afghanistan zu kolonisieren, um einem Einmarsch Russlands vorzubeugen. Dies war allerdings gar nicht beabsichtigt, wie spätere historische Forschungen ergaben. London sah seine wichtigste Kolonie Britisch-Indien gefährdet. 1842 zogen sich die Engländer zurück, nachdem 30.000 Rotröcke von den Paschtunen aufgerieben worden waren. Nur ein einziger Brite überlebte: der Militärarzt William Brydon überlebte.

Theodor Fontane hat diese Episode 1858 in seinem Gedicht „Das Trauerspiel von Afghanistan“ verarbeitet:

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,

Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Commandant,

Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen in’s steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,

Er athmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Cabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,

Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,

Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,

Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,

Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,

Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,

Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

„Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,

Einer kam heim aus Afghanistan.“

Ein mächtiges Reich

Hätten die Engländer sich eingehender mit der Vergangenheit Afghanistans befasst, wäre ihnen sicher aufgefallen, dass das Land schon seit der Antike als „Grab der Weltreiche“ bekannt war. Das zaristische Russland hatte auch deshalb wenig Neigung hatte, sich zum Hindukusch zu begeben. Die Sowjetunion beging später diesen Fehler 1979 – und scheiterte nach etwas über neun Jahren.

Schon die Armee Alexander des Großen (356–323 v. Chr.) wurde dort in Kämpfen mit der einheimischen Bevölkerung fast aufgerieben. Ab dem Jahr 400 n. Chr. lebten auf dem Gebiet des heutigen Afghanistans frühe Christen, genauso wie im Iran und Irak, die dann im siebten und achten Jahrhundert islamisiert wurden, sodass heute 99,96 Prozent der 39 Millionen Afghanen Mohammedaner sind.

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Patschunen-Mädchen in Helmand, Afghanistan, 2011. Foto: timsimages.uk | Shutterstock.com

Die Region blieb trotz wechselnder Herrschaftsansprüche benachbarter Völker über Jahrhunderte autonom. Ab 1737 etablierte sich ein Königreich islamischer Prägung, das ab 1823 als Emirat firmierte und bis 1839 bestand. Das Reich hatte unter Ahmad Schah Durani seine größte Ausdehnung von Masshad im Osten des heutigen Iran bis Delhi im heutigen Indien – und war der zweitmächtigste islamische Staat seiner Zeit nach dem Osmanischen Reich.

Der Staat zerfiel wieder, was aber blieb, war die paschtunische Bevölkerung. Diese schlug die Sowjets nach langjähriger Besetzung im Februar 1989 zurück, und dann dauerte keine zehn Jahre, bis die USA unter dem 9/11-Vorwand einmarschierten. Kein Wunder, dass die Paschtunen nach über 40 Jahren Fremdherrschaft ihr Land zurück haben wollen.

Opium, Lithium und Flüchtlinge

Wie bereits angesprochen, gibt es in Afghanistan üppige Opiumfelder, mit deren Erlös sich schon die afghanischen Kommunisten und die Nordallianz bei ihrem Kampf gegen die Mudschaheddin finanzierten. Es ist daher sicher kein Zufall, dass sich die USA beim Einmarsch sofort mit der Nordallianz verbündeten. Von den Kommunisten ist jedenfalls bekannt, dass sie das Opium über die damalige Sowjetunion nach Europa transportierten.

Die afghanischen Tadschiken betrieben stets den größten Teil des Drogenhandels. Und es ist kein gutes Vorzeichen, dass der nun geflohene Präsident Aschraf Ghani 169 Millionen Dollar nach Tadschikistan mitgenommen haben soll. Die seit jeher mit den Mudschaheddin beziehungsweise Taliban verfeindeten Tadschiken haben diesen nun den Krieg erklärt.

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Dürfte bald wieder in ganz Afghanistan Realität sein: Verschleierte Schülerinnen in der Burka. Foto: Lizette Potgieter I Shutterstock.com

China will indes mit den Taliban kooperieren und macht sich daran, die Bodenschätze auszubeuten, vor allem Lithium, das zur Herstellung von Batterien benötigt wird. Aber auch auf Eisen, Kupfer, Kobalt und Seltene Erden hat es Peking abgesehen. Pakistan bekundet ebenfalls Interesse. Die US-Amerikaner gehen leer aus.

Und Deutschland? Wir bekommen wieder einmal die Flüchtlinge: 300.000 bis fünf Millionen prognostizierte Bundesinnenminister Horst Seehofer vor wenigen Tagen. Davon will er nun nichts mehr wissen. Es droht ein zweites 2015. Neben den USA sind wir die großen Verlierer eines Krieges, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.


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